Ninjas, Hogmoars und Shapes of Gay: Das war T.o.R im Oktober

Da ¾ der Lesebühnenstammbesetzung in Wien, respektive Graz weilt, um da wie dort die Vorrunden des gerade stattfindenden Ö-Slams zu durchbrettern, und bereits vom Wettkampfsfieber ergriffen ist, soll dieser Nachbericht noch schnell eingeschoben werden, bevor Punkt 20Uhr am Innsbrucker Marktplatz die Public-Viewing-Liveübertragung des Spektakels beginnt. Ganz Tirol eifert mit, bei der gestrigen feierlichen Verabschiedung drückte Kultur-Landesrätin Beate Palfrader den gen Osten ausrückenden Martin Fritz, Stefan Abermann und Markus Koschuh je einen Handl-Bauchspeck sowie eine Flasche Krautingerschnaps in die Hand, damit die heimatlichen Schönheiten in der Ferne nicht vergessen werden, und von den Bergen hallten die Ehrensalute der Schützenkompanien. Wer die schottischen Outdoor-Wettbewerbe mit Baumstammwerfen und viel Häggis mag, wird den Ö-Slam lieben, der morgen in Leoben mithilfe einer Finalrunde den Champion 2012 ermitteln wird. Der Nachberichterstatter vermutet stark, dass es einer der drei T.o.R.en sein wird, der den Titel des österreichweiten Poetry-Slam-Hogmoars an sich reißt. Drücken wir also die Daumen.

Barbi Markovic

Kommen wir nun zum Wesenskern dieser Reportage, nämlich die vergangene Lesebühnenshow. Zwar war die Stammbesetzung schmerzhaft dezimiert, wurde Markus Koschuh doch letzte Woche in Köln zum neuen ZDF-Superstar aufgebaut, um mit übernächster Folge Wetten-Dass vom desaströsen Markus Lanz zu übernehmen (Abwesenheitserklärung by M. Fritz). Nichtsdestotrotz, der Rest der Truppe versuchte performanzversiert den durch ZDF-Headhunter verursachten Verlust zu kompensieren. Das dies gelang, lag vor allem an unsrem Stargast: Barbi Markovic. Das talentierteste heiße Eisen im Suhrkamp-Rennstall, das zudem auch den schönsten Hut der Literaturwelt trug, las aus den Fragmenten, Fundstücken und Entdeckungen linguistischer Stadtwanderungen vor, die sie durch Graz, Wien und Berlin geführt haben. Im alltäglichen urbanen Sprachbild, aus Werbung, Tags und Weisheit bestehend, offenbarten sich interessante Unterschiede. Graz erscheint ziemlich optimistisch, fast drogeninduziert selig, dem Spürsinn Markovic‘ zufolge finden sich im öffentlichen Raum Schriften wie: „Das Glück ist, wo sie sind“, „Glückswunschkarten“, „liebe das Putzen, rufen sie mich an“, „kann heute leider nicht bei euch sein, bin voll im Stress, der Weihnachtsmann“. (Das erklärt vielleicht, warum Graz die drittfruchtbarste Stadt im deutschsprachigen Raum ist und in Bezug auf Geburten nur von München und Zürich übertroffen wird.) Berlin, das „große Innsbruck mit mehr Currywurst“, wie die Bobos aus dem Viertel Wilten gern sagen, zeigte sich schnoddrig selbstbewusst, immer mit Blick auf die 15 Minuten Ruhm, die uns allen zustehen: „Kiss me I am famous“, „Leben ist legal“, „Nachhilfe für die gute Unterhaltung for free“. Wien dagegen dürfte wohl das unsympathischste, wenn nicht gefährlichste Pflaster sein, den „Wien ist anders“, „Polizeigewalt überall, Gerechtigkeit nirgends“, „Ballspielen verboten“, und „Hast a Tschick“. Beruhigend zu wissen, dass Sprache auch durchs öffentliche Stadtbild realitätskonstituierend und stereotypbedingend funktioniert.

David

Nach langer Zeit gab’s auch wieder zwei Open Mics, in der ersten Hälfte überraschte David, der Barkeeper des Moustache, mit einem witzig-philosophischen Text über die andre Seite des Tresens, dort, wo die Quellen unsrer aller Freuden liegen. Es war ein Bericht aus dem Zentrum uns aller unbekannter Wildheit hervor, so, als wären Helene Cixous und General Kurtz in Gestalt des späten Marlon Brando eine unheilige Allianz eingegangen. In der zweiten Hälfte stürmte ein junge Frau die Bühne, die den schönen Namen Na trug. Die Vermutung lag nahe, dass sie aus dem asiatischen Kulturraum stammt, ein Gedanke, der durch ihren Textvortrag bestärkt wurde, las sie doch ein halbes Haiku und verschwand daraufhin sekundenschnell in Menge und Zigarettenrauch, wie ein Ninja im Bambuswald.

Stefan Abermann, im Zweitleben als Buchhändler leidgeprüft, weil alle lesewilligen Menschen nur noch Shapes of Gay kaufen, erzählte vom epiphanischen Moment, da ihm bewusst wurde, welches Ding noch zum vollständigen Glück fehlt: ein Webergrill, stählernes Gerät für stählerne Burger oder Pizzen. Der Urlaub wird in der Weber-Grill Academy absolviert, sponsored by Red Bull (übrigens, seid wann besitzt ein EergyDrink-Konzern ein besseres Spaceprogramm als die meisten Staaten dieser Welt?), für Leute mit karierten Hemden, die Bier aus kleinen Flaschen trinken. Es gibt keine einfachen Begierden oder niederen Gefühle wie Eifersucht mehr für den Webergriller, was zählt ist „die Lust am heißen Fleisch, anstelle heißer Fleischeslust“. In der zweiten Hälfte blieb Abermann den Anforderungen seines Drittlebens als Märchendichter und -erzähler treu, und brachte einen Grimm-Remix vor, in welchem zwei Brüder den dritten im Bunde verjagen, der sich aufgrund eines Teufelsdeals sieben Jahre lang nicht waschen darf. Dafür hat der dem Pizzamonster aus Spaceballs nicht unähnliche Mann vom Höllenfürsten einen grünen Rock bekommen, der Gold ausspuckt. Hinterlistig, wie es der Mehrzahl abermann’scher Märchen eigen ist, warten am Ende nicht nur Happy-End und große Liebe, sondern auch Tod und händereibender Teufel.

Robert Prosser

Robert Prosser las die Fortsetzungen seiner Septembertexte, erzählte einmal von russischen Gefängnistattoos und einmal von einer Hexenaustreibung im Osten Ghanas. Erster Text vermittelte die beklemmende, gewaltbeherrschte Atmosphäre eines Arbeitslagers, die auf dem Kartenspiel und einer perversen Bereitschaft zu Sieg oder Verlust fußt, Gesichtstätowierungen spielten darin ebenso eine Rolle wie Vergewaltigung und ziemlich wüste Operationen. Als Einstieg in die afrikanische Messe zeigte Prosser ein selbstgefilmtes Video der Zeremonie, deren Trommeln, Rasseln und Tänze ihren Nachhall im folgenden Vortrag fanden, so, als hätte er die ausgetriebene Hexe auf seiner Zunge als Souvenir mitgebracht.
Martin Fritz brachte endlich mal wieder ein Lyrikbingo, basierend auf dem Gedicht: „Wie es wirklich war am Beispiel Bochum“. Vertieft ins schöne Bilderrätsel kann sich der Nachberichtschreiben leider nur noch an die letzte Zeile des Textes erinnern: „Irgendwo heult ein Wolf, göttliche Trias.“ Das allerdings ist ein fein geschmiedeter Vers, ohne Zweifel. In der zweiten Hälfte brachte Fritz die brennenden Fragen unsrer Zeit und Generation vor, beispielsweise: „Sagt man Yeah, Yeah und nochmals Yeah? Hat’s Markus Lanz hingekriegt? Was steht auf dem Spiel? Halten sie sich für politisch oder sexuell andersdenkend?“ Darüber kann nun jeder selber grübeln.

Soviel also zum letztmaligen Feuerwerk gepflegter Performanz, die vor Ort waren, werden es noch ihren Urenkeln erzählen, jene, die es versäumten, sei mitleidig auf die Schulter geklopft und zugleich seien alle auf den nächsten Termin aufmerksam gemacht: 08. November 2012, 20 Uhr im Moustache, mit dem Schweizer Slamwizard Diego Häberli (und dem aktuellen Ö-Slam-Champ).

Fastfacts:
Next T.o.R: 08. November 2012, 20 Uhr, Moustache, mit Diego Häberli

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